Gedenkt Ihr Eurem Unfalltag oder spielt das für Euch keine Rolle und es ist ein Tag wie jeder andere?

Diese Frage stelle ich mir in den letzten Wochen immer häufiger. Denn genau in dieser Zeit, vor drei Jahren, fing meine Erkrankung an, die letztendlich zu meiner Behinderung führte. Meine Erkrankung verschlechterte sich, seit dem Auslöser durch die Impfung, rasant und kontinuierlich. Anfangs konnte ich mich noch mit Mühe mit Krücken vorwärtsziehen, bis auch das meine Arme nicht mehr mitmachten und meine Beine bei der kleinsten Belastung nachgaben. Der Übergang vom Laufen in den Rollstuhl war also nicht, wie bei vielen anderen Menschen ein abruptes Ereignis, wie beispielsweise ein Unfall, sondern verlief bei mir eher fließend. Es wurde einfach relativ schnell von Tag zu Tag weniger. Zwar gilt als Unfalltag der Tag meiner Impfung – aber an diesem Tag wusste ich noch nicht, dass ich deshalb kurze Zeit später im Rollstuhl sitzen würde. Dafür gibt es für mich gar nicht DEN Unfalltag, dem ich gedenken könnte. Generell muss ich zugeben, dass ich relativ selten denke: „Heute vor vier Jahre konntest du noch laufen…“. Aber ich habe auch nicht das Bedürfnis diesen Tag zu feiern – und sei es eine Trauerfeier. Ich kenne einige Rollstuhlfahrer, die diesen Tag hassen und schon Tage vorher mies gelaunt sind deswegen. Es fällt mir schwer, das nachzuvollziehen.

Ja, dieser Tag hat das gesamte weitere Leben verändert. Aber sind diese Veränderungen denn wirklich nur negativer Natur und hätte das Leben nicht auch ohne Unfall eine Wendung nehmen können? Warum implizieren wir, dass es uns heute besser gehen würde, wenn dies oder jenes nicht gewesen wäre. Wir stecken doch nicht drin. Es kann sein, dass wenn ich diese Erkrankung nicht bekommen hätte, ich stattdessen durch einen Autounfall im Rollstuhl sitzen würde, oder oder oder. Genau deshalb, weil ich nicht weiß wie das Leben verläuft und welche Wendungen es nimmt, versuche ich es positiv zu sehen. Wer weiß, ob ich diese, jetzt negativ wirkende Zeit, nicht irgendwann einmal positiv sehen kann. Vielleicht weil ich daraus etwas Wichtiges fürs Leben gelernt habe, weil ich ruhiger oder weiser geworden bin, weil ich Dinge mehr zu schätzen weiß?


Mir geht es genauso. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich damals über den Rollstuhl gefreut habe. Ich habe nur versucht nach außen stark zu sein, um andere – und auch besonders mich, davon zu überzeugen, dass das alles nicht so schlimm ist. Aber tief in mir fand ich es schrecklich und beschissen und wollte es nicht wahrhaben. Doch aus heutiger Sicht war dies mit die prägendste Zeit meines Lebens! Ich habe so viel über mich und meine Wünsche und Ziele gelernt und was wirklich wichtig ist im Leben. Heute weiß ich Kleinigkeiten mehr zu schätzen. Gute Freunde und eine Familie, die hinter mir steht, das sind Dinge, die wirklich wichtig sind! Ich genieße mein Leben mehr – und zwar jeden einzelnen Tag, denn man weiß nie, wann es vorbei sein kann. Ich glaube nicht, dass ich ohne den Unfall dort wäre, wo ich heute bin. Und dafür bin ich dankbar. Aber feiern, werde ich deswegen diesen Tag oder diese Zeit trotzdem nicht. Denn sie ist sowieso omnipräsent, da muss ich ihr nicht noch extra gedenken.