Die fast drei Monate Semesterferien sind jetzt am Montag um und bei mir hat sich vieles verändert. Ich schreibe hier auf dem Blog bewusst über die positiven Seiten des Lebens und möchte meine Leser nicht mit irgendwas „vollheulen“, was seit dem Rollstuhl nicht mehr geht. Aber machen wir uns mal nichts vor, das Leben hat wirklich unglaublich viele schöne Seiten und ich denke, dass man das hier auch stets rauslesen kann. Aber das Leben kann auch manchmal ganz schön scheiße sein – und zwar ja immer dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann. Eine negative Veränderung kommt ja immer ungelegen und stellt nicht selten alles auf den Kopf. Auch wenn sich diese manchmal nach langer, langer Zeit, sogar als positive Veränderung herausstellt. Doch ganz im Ernst, was interessiert mich das in diesem Moment, dass es ich es vielleicht irgendwann einmal mit anderen Augen betrachten und mich an der Veränderung erfreuen werde?
Also, alle Fakten auf den Tisch! Ich hatte es schon mal erwähnt und komme jetzt eben noch einmal darauf zurück: meine Hände führen gerade ein Eigenleben und haben beschlossen, ihr eigenes Ding zu machen. Sprich, die Kommunikation zwischen den beiden und meinem Körper läuft gerade etwas holprig ab. Wüsste ich es nicht besser, könnte man es fast als pubertäres Gehabe abtun. Momentan habe ich noch etwa sechs Finger, die so ziemlich tun was sie sollen. Die restlichen vier ignorieren mich ein wenig und meinen, dass sowohl die Sensibilität, als auch die Motorik nicht überbewertet werden sollten. Das Ganze geht jetzt seit gut einem Monat und ich bin es langsam leid. Deshalb schmeißt mein Doc zur Feier des Tages mal wieder eine Runde Cortison und ich bin natürlich ganz groß mit dabei. Ich liebe Cortison! Innerhalb kürzester Zeit gehe ich auf wie ein Hefekloß und meine Haut sieht aus, als hätte ich Windpocken! Da kommt so richtig Freude auf. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und ich bete förmlich darum, dass meine Hände sich ihren Alleingang nochmal überlegen und zum Schluss kommen, dass wir doch eigentlich immer ein gutes Team waren. Denn auch Basketball muss deshalb schon seit ein paar Wochen pausieren und ich trauere meinem Team und unseren Spielen hinterher!

Ich hatte das mit meinen Händen immer mal wieder. Mal mehr mal weniger. An manchen Tagen stärker, an anderen wieder schwächer, aber fast immer mit einem starken Zittern verbunden. Dass sich damit nicht gut schreiben lässt ist klar, aber vielmehr behinderte es mich bei der Arbeiten im Präpsaal. Sprich beim Präparieren an der Leiche. Es ist gar nicht so leicht, mit dem Skalpell zielgenau zu schneiden, wenn die Hände zittern und ich das Messer kaum halten kann. Lange Rede, kurzer Sinn, ich habe mit einigen Ärzten und Dozenten gesprochen und wir kamen zu dem Schluss, dass ich mir dann eventuell ein Urlaubssemester nehmen sollte. Ein Urlaubssemester nach einem Semester? Wie lange soll ich denn da studieren?
Ich bin erstmal in ein kleines Loch gefallen. Da wartet man auf den langersehnten Studienplatz und kann es kaum fassen, wenn man ihn endlich erhält. Hatte ich doch schon als Kind davon geträumt, irgendwann einmal Ärztin zu werden. Und dann soll es das jetzt schon gewesen sein? Ich saß lange mit meinen Eltern und dem Lukas zusammen und wir haben hin- und her überlegt, wie ich jetzt weitermachen könnte. Mal haben wir wirklich konstruktive Beiträge gesammelt, mal habe ich nur trotzig rumgeheult, dass ich einfach weiter machen werde. Doch am Ende habe ich ein tolles Ergebnis gefunden, mit dem ich bisher mehr als zufrieden bin.

Ich werde ab diesem Semester Psychologie im Nebenfach studieren. Ich behalte Medizin also im Hauptfach und werde dort so viel machen, wie ich körperlich schaffe. Gleichzeitig werde ich aber mehrere Vorlesungen und Seminare in Psychologie belegen und mir dort anschauen, wie gut das zu mir passt. Der Vorteil ist, dass Psychologie viel weniger praktisch ist und ich so auch nicht gleich ganz ausfalle, wenn ein Teil meines Körpers mal wieder versagt. Aber ich bleibe auch in Medizin eingeschrieben. Sollte sich doch alles verbessern und es mir wieder viel besser gehen, dann könnte ich dort wieder weiter studieren. Ich finde das ist eine super gute Lösung.
Ich habe schon die letzten Tage an der Einführungswoche in Psychologie teilgenommen und muss zugeben, dass es mir wahnsinnig gut gefällt. Es ist nicht nur ein Vorurteil, sondern Realität, dass die Psychologiestudenten deutliche vielfältiger, alternativer und lockerer im Umgang miteinander sind. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht nur auf meinen Rollstuhl reduziert wurde. Ich war als Anouk, Psychologie-Ersti, anwesend. Und nicht als „DIE Rollstuhlfahrerin“, oder „das arme Mädel im Rolli“. Nirgends bekam ich eine Extrawurst, sondern ich wurde einfach direkt integriert. So vollkommen anders, als bei den Medizinern. Dort wurde ich für alles gelobt, für wirklich alles. Selbst meine bloße Existenz, das Teilnehmen am Unterricht, wurde mir lobend angerechnet. Die letzte Woche war ich einfach eine von vielen. Eine von über 200, für die es ab nächster Woche losgeht. Und wisst ihr was? Es tat verdammt gut. Einfach mal in der Masse untergehen und nicht ständig angestarrt zu werden. Bei den Medizinern wurde ich wie ein fremdes Wesen beäugt und es kam nicht selten vor, dass mich wirklich Kommilitonen von mir (teilweise 4-5 Jahre jünger als ich) fragten, wie ich denn Medizin studieren wolle, so mit Rollstuhl. Und wie ich anderen helfen wollen würde, wo ich doch selber manchmal Hilfe bräuchte. Ich musste mich beweisen, jeden Tag aufs Neue. Vor meinen Kommilitonen und vor meinen Dozenten. Ich musste täglich zeigen, dass ich es genauso wert bin hier zu studieren, wie jeder andere auch, dass ich es genauso verdient habe und es genauso schaffen kann. Und das macht einen irgendwie fertig. Da kann man die tollsten Leute während des Studiums kennen lernen, doch diese Tatsache nimmt einen einfach mit. Unabhängig davon, dass natürlich nichts barrierefrei ist. „Das Medizinstudium ist einfach nicht auf Rollstuhlfahrer ausgelegt“, sagte mir vor gar nicht allzu langer Zeit ein Dozent, „das braucht noch ein paar Jahre“. Ja, was soll ich dazu sagen? Dass sehr viel Reformationsbedarf besteht ist klar, aber was kann ich jetzt in diesem Moment damit anfangen? Ich studiere nun mal jetzt und nicht in 20 Jahren.
Dementsprechend niedrig waren meine Wünsche nun an mein Zweitstudium. Ging ich doch wirklich davon aus, dass es dort genauso sein würde. Aber Pustekuchen. Ich bin dort weder die erste Rollstuhlfahrerin, noch scheine ich irgendwo ein Problem darzustellen. Ich bin einfach da, so wie alle anderen auch und das ist wunderbar!